Lesen ist eine sine qua non condition des Menschen. Wer es anderes betrachtet, führt bestimmt ein perspektivloses Leben. Durch das Lesen kann man Antworten auf die anthropologischen Fragen finden. Dass sich die Fragen immer multiplizieren werden, kann man nicht leugnen. Der Mensch ist ein denkendes Wesen. Das heißt, dass er mit Vernunft begabt ist. Das Denken wird natürlich vom Lesen belebt. Dieses monolithische Verhältnis spielt beim Verstehen der Existenz des Menschen eine bedeutende Rolle.

Lesen und Hermeneutik

Der Einstieg in die Welt der Bücher ist erforderlich, wenn man zu einem Verstehen seines Selbst und der Welt gelangen will. Der erste Schritt stellt das Lesen dar. Der zweite Schritt stellt den hermeneutischen Prozess dar. Es geht darum, wie ich einen Text verstehe beziehungsweise interpretiere.

Der zweite Schritt hängt mit der Imagination zusammen. Um einen Text auszulegen, muss ich unter anderen auch die Einbildungskraft verwenden. Wenn man ein Buch zum ersten Mal in die Hand nimmt, ist es so, als ob man einen unbekannten Menschen auf der Straße kenne gelernt hat. Sobald man zu lesen beginnt, verschwindet das Unbekannte. Das Buch wird zum Freund des Lesers. Die Schönheit des Lesens besteht in der Entschließung des Unbekannten, des Rätselhaften.

Abgesehen davon trägt das Lesen zur Verschärfung eines kritischen Bewusstseins bei.

Anhand des zusammengetragenen Wissens ist man imstande, einen kritischen Blick auf die Welt zu werfen. Das Infragestellen der eigenen herkömmlichen Überzeugungen, der Meinungen der Anderen, der in Stein gemeißelten Regeln hängt von der Erfahrung des Lesens ab. „Die Stagnation im Denken“ ist die Gefahr, in die man läuft, wenn man sich mit den Büchern nicht auseinandersetzt. Die Möglichkeit einer „Horizontverschmelzung“ zwischen Leser und Text, die Gadamer für die richtige die Schlussfolgerung der Leseerfahrung hält, würde in diesem Fall kaum bestehen.

Deshalb kann man behaupten, dass das Lesen unser Leben gestaltet und uns zu denkenden Wesen macht.